Herzgedanke ganz privat

Nichts für Feiglinge! (M)ein Leben mit Esssucht…

Mich beschäftigen schon seit Tagen und heute ganz besonders einige Gedanken zum Thema Esssucht, die ich gerne hier mit euch teilen möchte. Ihr dürft sie gerne lesen, stillschweigend hinnehmen, aber auch gerne kommentieren. Ob per Mail oder hier als Kommentar – das überlasse ich euch selbst. Kommentare schalte ich frei. Mails sind privat. 😉

Ich bin bisher mit dem Thema Magenverkleinerung und all meinen Auf und Abs die damit verbunden sind sehr, sehr offen umgegangen und habe im Laufe der letzten Jahre vielen Leuten Hilfestellung gegeben, wenn sie sich mit der Thematik nicht auskannten, einen ähnlichen Weg für sich entschieden haben oder/und Fragen bzgl. einer Entscheidung hatten.

Was mir allerdings immer wieder auffällt ist, dass 95% der Leute in ihrem Bekanntenkreis oder gar mit der Familie nicht darüber sprechen. Weil sie sich schämen, Angst vor den Reaktionen haben oder aus anderen Gründen. Da kommt mir doch die Frage in den Sinn „Warum ist das so?“

Muss ich mich schämen, weil ich für meine Gesundheit endlich etwas tun möchte?

Nehmen wir ein Beispiel: Ein Alkoholiker trinkt zwei Flaschen Wodka am Tag und beschließt sich nun in Therapie zu begeben. Muss er sich dafür schämen? Würde man über ihn denken, dass er selbst schuld ist an seiner Sucht? Oder ihm gar sagen, dass er doch einfach weniger saufen soll?

Ähnlich ist es mit einem Raucher, der 40 Zigaretten am Tag raucht und nun beschließt den Zigarettenkonsum strikt zu unterlassen. Jeder rauchfreie Tag wird beklatscht, hochgelobt und der neugeborene Nichtraucher motiviert.

In beiden Fällen liegt eine Sucht vor. Im Falle von massivem Übergewicht ist das nicht anders. Ich weiß wovon ich schreibe! Und ich wage mal zu behaupten, dass niemand der über 100 Kilo (oder weit mehr) wiegt nur isst, weil es ihm so gut schmeckt. Das halbe Schnitzel das man nicht wegwerfen kann, die Tafel Schokolade die unbedingt jetzt gegessen werden muss oder das zweite Brötchen… Wie schnell wird aus der dummen Angewohnheit alles aufessen zu müssen eine krankhafte Abhängigkeit.

In diesem Zusammenhang möchte ich „Binge Eating Disorder “ erwähnen, eine mittlerweile anerkannte Krankheit bei der die betroffenen Patienten unkontrolliert Nahrungsmittel in sich hineinstopfen. Besonders „kluge“ Menschen nennen diese Krankheit „Alzheimer – Bulimie“, da die Patienten eben NICHT nach diesen Fressgelagen erbrechen.

Ein Therapieansatz ist hierbei Psychotherapie, um die Auslöser dieser Essattacken zu minimieren.

Eine weitere Hilfe KANN eine chirurgische Maßnahmen zur Bekämpfung des massiven Übergewichtes sein.

Und warum sollte Patient X oder Patienten Y nun ein Geheimnis daraus machen sich helfen zu lassen? Weil er/sie ja selbst schuld ist an seinem Übergewicht? Weil er/sie ja einfach nur nicht so viel fressen muss?
Ist der Alkoholiker nicht auch selbst schuld, dass er so viel gesoffen hat? Ist der Raucher etwa gezwungen worden so viel zu qualmen? NEIN, denn es liegt eine anerkannte Krankheit vor. SUCHT!

Nur, dass man dem Übergewichtigen nicht auf Lebenszeit Nahrung entziehen kann, wie dem Raucher die Zigaretten. DAS ist der Punkt, den viele gar nicht bedenken. Stellt dem Alkoholiker eine Flasche Wodka hin und sagt ihm, dass er nur ein Glas trinken darf. Macht man nicht. Ist ja irgendwie blöd, oder?

Meine Magenverkleinerung ZWINGT mich dazu weniger zu essen. Ich muss mich demzufolge bei jeder Mahlzeit erneut mit meiner Krankheit auseinandersetzen. Ein Leben lang! Mal mehr und mal weniger. (Im Moment weniger, weil ich gelernt habe nicht mehr „alles in mich reinzufressen“.)
Aber ich muss mich dafür definitiv nicht schämen!

Ich würde mir wünschen, dass ihr, die ihr euren Familien, Chefs oder Freunden die Geschichte von der knallharten Fastenkur etc erzählt habt offener seit.
Seit ehrlich zu euch selbst, steht zu eurer Geschichte und zu eurem Weg. Denn nur so kann Unwissenheit aus dem Weg geräumt werden. Sagt offen: „Ich bin krank und habe mir Hilfe gesucht.“ Wovor habt ihr Angst? Dass jemand der Meinung ist ihr seid „verfressen“? Na und? Dann erklärt ihr halt, dass ihr an einer anerkannten Krankheit leidet (sonst würde die Krankenkasse den Eingriff schließlich nicht bezahlen!).

Und kommt mir nicht mit der Ausrede, dass euch der Mut fehlt. Dieser Eingriff ist nämlich definitiv nichts für Feiglinge!! 😉

Punkt.
© Ricarda Ohligschläger