Interviews mit Autoren

Interview mit Michael Tietz

Hallo Herr Tietz, Hand aufs Herz, hätten Sie selbst gedacht, dass „Rattentanz“ so erfolgreich wird? 

Nein. Aber, und dies ist vielleicht das Beste was man beim Schreiben machen kann, es war mir völlig egal. Ich wollte in erster Linie nur mir diese Geschichte erzählen, nicht mehr aber auch nicht weniger.

Was gefällt Ihnen am Beruf des Schriftstellers am besten, was am wenigsten? 

Keine Ahnung, im Moment ist es noch kein Beruf, ich bin also noch Lichtjahre davon entfernt davon leben zu können. Aber das Schönste am Schreiben ist, der eigenen Phantasie völlig freien Lauf lassen zu können. Beim „Rattentanz“ habe ich mich selbst immer wieder überrascht und es war ungeheuer spannend zu sehen wie alles wächst, sich ineinander fügt und am Ende ein Gesamtbild ergibt. Störend sind dabei alle Einflüsse von außen. Beim „Rattentanz“ gab es die zum Glück nicht, denn außer meiner Familie wusste niemand, dass ich schreibe. Heute ist das aber ganz anders und es lenkt unwahrscheinlich ab. Und Ablenkung ist so ziemlich das Schlimmste was einem beim Schreiben widerfahren kann.

An welchem Ort hatten Sie die besten Ideen für ihren Debütroman? 

In der Badewanne.

Wie kamen Sie dazu? War es schon lange ein Traum oder eher Zufall? 

Zum Schreiben? Ich schreibe schon immer gern. Aber etwas gern zu tun bedeutet nicht, dass man es kann. Und etwas zu können heißt noch lange nicht, dass man es will. Schreiben war für mich eines von vielen Hobbys und natürlich habe ich davon geträumt einmal ein eigenes Buch in Händen halten zu können, mehr aber auch nicht. Erst mit der Idee zu „Rattentanz“ kam ich nach über zehn Jahren wieder zum Schreiben.

Wie kommt man dazu ein Buch „Rattentanz“ zu nennen? War das ihre Idee? 

Der Verlag und ich hatten weit über einhundert mögliche (und unmögliche!) Titel gesammelt, weil meine Arbeitstitel „Angst“ bzw. „ausZeit“ keinen großen Anklang fanden. Es kam der Tag der Entscheidung und mittlerweile befand ich mich schon in einem leicht säuerlichem Zustand, etwas gereizt, weil mir einfach nichts gefiel. In einer abschließenden Mailkonferenz mit meinem Verleger und meiner Lektorin habe ich noch zwei, drei leidige Vorschläge gemacht und, eher als gesitteten Wutausbruch gedacht, geschrieben: „Oder nennen wir’s eben einfach „Rattentanz“!!!“ Und siehe da – jeder fand diesen Titel passend und gut. Und ich bin froh, dass er auf meinem „Mist“ gewachsen ist.

Wie lange haben Sie an „Rattentanz“ geschrieben. Braucht man nicht einiges an Disziplin neben dem normalen Arbeitsleben so ein intensives Buch zu schreiben?

 Geschrieben habe ich elf Monate, inkl. zwei Monate Unterbrechung also effektiv neun Monate. Natürlich braucht man dazu Disziplin, in erster Linie aber eine Idee, die einen selbst fasziniert und einen Partner/Familie, die einem den Rücken in dieser Zeit absolut frei halten. Ich hatte zum Glück diese Voraussetzungen und für mich war das Schreiben somit weniger Arbeit sondern ein Abenteuer, beinahe ein Rausch.

Hatten Sie auch mal kreative Flauten und wenn ja, was war ihr Gegenmittel? 

Nein, das gab’s nicht. Heute schon eher, aber da liegt es nicht an mangelnden Einfällen, sondern an der Konzentration. Mir hilft es, wenn ich die Welt da draußen ausblende und nur noch ich und meine Geschichte existieren. Das geht nicht immer aber ich versuche es, auch wenn ich dadurch vielleicht auf den einen oder anderen Mitmenschen etwas geistesabwesend wirken mag; ist halt so.

Ist es wirklich möglich, dass solch ein Virus konstruiert wird und alles lahm legen könnte? 

So komplett wohl eher nicht, siehe Nachwort. Aber wir sehen doch täglich was auch partielle Störungen und Ausfälle so alles anrichten und ich bin der Überzeugung, dass sich unsere Technikgläubigkeit und unsere Vernetzungen noch einmal ziemlich rächen werden…

Macht Ihnen der Fortschritt der Technik in dieser Hinsicht nicht ein bisschen Angst?

 Angst eher nicht, vielmehr Hoffnung. Der eine oder andere Nackenschlag hilft vielleicht, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Wir sind nicht Gott, sondern nur eine „Tierart“. Wir sind nicht wichtig und was wir schaffen ebenso wenig. Irgendwann wird es uns nicht mehr geben und nichts und niemand auf diesem Planeten wird uns eine Träne nachweinen. Ich gebe zu, das mag sich recht pessimistisch lesen, doch gibt der Mensch als Masse in meinen Augen sehr, sehr wenig Anlass zu Optimismus.

Inwieweit hat das Schreiben des Buches Sie und Ihr Weltbild verändert? 

Nicht verändert aber das bestehende Weltbild verstärkt. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Zusammenbruch unserer zivilisatorischen Grundfeste eine Rückkehr zum Animalischen bringen wird, allerdings sind wir intelligente Tiere. Wir töten nicht nur zum Überleben, sondern auch aus ganz anderen Gründen: Neid, Hass, Gier, Glaube usw., alles Motivationen, die Tieren fremd sind. Der Mensch ist ein gezügeltes Raubtier und was dieses Raubtier in der Lage ist zu tun sahen und sehen wir täglich: Jugoslawien, Ruanda, Kirgisien, Golf von Mexiko …

Sie sind Krankenpfleger auf einer Intensivstation. Halfen Ihnen ihre damit verbundenen Erfahrungen mit Verletzten auch in Hinsicht aufs Schreiben. Es gibt in „Rattentanz“ ja auch einige Verletzte. 

Wahrscheinlich, allerdings eher unterbewusst. In der Regel habe ich mir alles nur vorgestellt und dann aufgeschrieben was ich da gerade sehe.

Wie lange dauerte es, bis Sie einen Verlag gefunden haben? Wie sind Sie auf Bookspot aufmerksam geworden? Und wie kam es nun mit der Zusammenarbeit mit Ullstein? 

Nach einem Verlag habe ich sechs, acht Monate gesucht, allerdings mit vielen parallelen Exposès, zusammen zwei Dutzend. Und keiner wollte das Buch haben. Ich wollte das Skript schon fast im Schreibtisch verstauen und ins normale Leben zurückkehren, als ich mal „Verlag“ und „Thriller“ googelte und ziemlich weit oben ein mir völlig unbekannter Münchner Verlag stand – Bookspot. Und da konnte mein Skript, jetzt wo es endlich einmal gelesen wurde, auch überzeugen und zwar so sehr, dass dieser sehr kleine Verlag richtig Geld in die Hand genommen hat und zum ersten Mal ein Hardcover mit Schutzumschlag produziert hat, das Cover von einer Agentur gestalten ließ. Es ist eine Sache ein (gutes) Buch zu schreiben, man braucht aber dann auch Menschen, die helfen, dass dieses Buch das Laufen lernt. Bei Bookspot hatte mein „Rattentanz“ die besten Lauftrainer der WeltJ!

Ullstein, bzw. ein Lektor von Ullstein, wurde durch Internetbeiträge auf den „Rattentanz“ aufmerksam. Er ließ sich ein Exemplar schicken und begeisterte in der Folge das ganze Verlagshaus und zum Schluss kursierten vier „Rattentänze“, die einer an den anderen weitergab.

Planen Sie schon weitere Romanprojekte und möchten Sie uns etwas darüber verraten?  Wird es ein ähnliches Genre sein oder etwas ganz anderes?

 Damit man mich nicht in eine bestimmte Schublade steckt, habe ich mich bei meinem nächsten Projekt für ein ganz anderes Genre entschieden – den historischen Vampir-Liebesroman … April, April!!! (Tschuldigung, aber das musste jetzt sein.) 

Also, im Ernst: ich plane nicht nur, ich bin schon fleißig. Mein neues Skript erfährt gerade eine erste Generalüberholung, zwei weitere ziemlich umfangreiche Projekte warten auf ihre Zeitfenster. Verraten werde ich natürlich nichts, nur soviel, dass es wieder um kleine oder große Katastrophen gehen wird. Menschliche Extremsituationen faszinieren mich und wahrscheinlich wird es dabei auch nicht immer ganz zivilisiert zugehen. Ansonsten heißt es einfach: abwarten ;-)).

Eine Frage zum Hörbuch. Auf Amazon steht, es handelt sich um
eine gekürzte Fassung. Wie stark ist die Kürzung denn dann und hat sie Einfluss auf den Inhalt?
 

Meine Meinung: Wer das Buch gelesen hat und wem es gefällt, der wird am Hörbuch wenig Freude haben. Aber für all die, die den „Rattentanz“ nach 60, 100 oder 200 Seiten abgebrochen haben, weil er ihnen zu langweilig und detailliert ist, dürfte das Hörbuch ideal sein. 70% des Originaltextes fehlen (Ja, ich bin auch fast in Ohnmacht gefallen)! Aber ich habe es angehört (mein allererstes Hörbuch) und muss sagen, dass es wirklich intelligent gekürzt wurde und an der eigentlichen Handlung nichts fehlt. Kleine Nebenschauplätze, die zwar zur Atmosphäre des Buches beitragen aber mit der eigentlichen Story nichts zu tun haben, sind halt über die Klinge gesprungen. Aber für Leute die nicht gern lesen aber spannende Geschichten mögen, dürfte es auf keinen Fall rausgeschmissenes Geld sein. Außerdem war eine Kürzung unumgänglich; im Original gelesen hätte das gute 20 CD’s ergeben, verbunden natürlich mit einem entsprechendem Preis. 

An dieser Stelle (ich verstehe das Folgende als Bestandteil dieses Interviews!), möchte ich mich bei Rici bedanken, natürlich auch bei allen, die mich bisher unterstützt haben, Rezi’s geschrieben haben und jetzt diese Fragen stellten, aber vor allem bei Rici: Danke für eine der ersten Rezensionen! Danke für unsere kleine Leserunde letztes Jahr! Und Danke für diese Fragerunde, hat mir riesig gefallen. Und ich wünsche Ihnen und uns, dass es gesundheitlich bald wieder aufwärts geht! Ich bin mir sicher, es gibt viele, die an Sie denken. Ganz viele Grüße! Michael Tietz

Ich bin gerade sprachlos vor Rührung. Gebe meinen Dank aber gerne an Sie zurück. Danke, dass Sie mit mir und meinen Bloglesern die „Generalprobe Leserunde“ veranstaltet haben. Diese Leserunde war nämlich der Startschuss für noch viele andere Leserunden. Ich habe dadurch Menschen kennengelernt, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Einige davon kenne ich mittlerweile sogar persönlich und das ist unwahrscheinlich schön.
Es ist schön euch alle „zu haben“!!!

Das Schmucklesezeichen geht an Kerstin H.
Herzlichen Glückwunsch!!

Foto ©  Tamara Tietz