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Julie Cohen – Mit den Augen meiner Schwester

Eine unvergessliche Schwesterngeschichte vom Weglaufen und Nach-Hause-Finden

Als Kind konnte Liza Haven es kaum erwarten, ihrem beschaulichen Heimatort Stoneguard zu entfliehen. Lange war sie schon nicht mehr dort – seit jenem schrecklichen Weihnachtsfest, als die Mutter Lizas Schwester Lee zu ihrer Nachfolgerin in der familieneigenen Eiscreme-Manufaktur bestimmte. Als Liza nun nach Jahren in Amerika nach England zurückkehrt, muss sie feststellen, dass ihre scheinbar perfekte Schwester sich aus dem Staub gemacht hat. Unbeabsichtigt schlüpft sie in Lees Rolle und erkennt, dass deren Leben nicht so leicht und sorgenfrei ist, wie sie immer angenommen hatte. Ihren kleinen Heimatort hingegen findet sie gar nicht mehr so übel – Lees festen Freund Will übrigens auch nicht …
(Kurzbeschreibung laut www.amazon.de)

Habt ihr je darüber nachgedacht euer Leben tauschen zu können bzw. das Leben eines anderen zu leben? Was wäre wenn ihr die Möglichkeit dazu bekommen würdet? Würdet ihr dann euer altes Leben behalten wollen und es vielleicht mit anderen Augen sehen?

Liza Haven bekommt so eine Chance. Als Kind konnte sie es gar nicht erwarten, dem beschaulichen Stoneguard zu entfliehen und seit dem schrecklichen Weihnachtsfest an dem ihre brave Schwester Lee (Emily) zur Nachfolgerin der Eiscreme – Manufaktur ernannt wurde, hat sie sich noch mehr in ihr eigenes Leben zurück gezogen.
Niemand weiß, dass dieses Leben nicht mehr so ist wie es einmal war, denn Liza ist nicht mehr die erfolgreiche Stuntfrau, sondern schlichtweg arbeitslos. Nach einem selbstverschuldeten Unfall bei dem sie neben Brandnarben auch seelische Wunden davon trug, sucht Liza verzweifelt einen neuen Job. Da dieser auf sich warten lässt, kommt ihr die Einladung ihrer Schwester Lee zur Wohltätigkeitsdisco gerade richtig.
Lee taucht jedoch nicht auf! Die scheinbar perfekte Schwester hat sich mit einem gestohlenen Wagen aus dem Staub gemacht und ehe sich Liza versieht lebt sie ein Leben was sie bisher aus völlig anderen Augen betrachtet hat.

Julie Cohens Geschichte um die Schwestern Liza und Lee ist eines der Bücher die man sehr schwer aus der Hand legen kann. Die beiden Hauptfiguren sind realistisch und nachvollziehbar beschrieben und überzeugen auf ganzer Linie. Jede der Schwester mit ihren Platz im Leben erst finden und bis dahin benötigt es Zeit, die Cohen mit vielerlei Emotionen spickt.
Sehr berührend erkennt Liza nach und nach ihren Platz an der Seite der Mutter, deren Alzheimererkrankung eine wichtige Rolle im Buch spielt, sich aber nicht in den Vordergrund schiebt.

Der Schreibstil der Autorin hat mir sehr gut gefallen und ist weit weg von trivialer Familiengeschichte. Ganz im Gegenteil! Cohen überzeugt nicht nur durch die Story zwischen den Schwestern, sondern auch durch die einfühlsame Handlung zwischen Mutter und Tochter. Sie lässt hier besonders Lizas Schmerz und Enttäuschung einen eigenen Raum.

Die 500 Seiten empfand ich als durchaus angenehm zu lesen, da die Geschichte an keiner Stelle langweilig erschien und durch humorvolle Dialoge und der richtigen Prise Romantik abgerundet wurde.
Mit den Augen meiner Schwester“ ist unvergesslich. Das Buch wird mich noch lange beschäftigen und ich empfehle es allen, die auf der Suche nach einer gefühlvollen mitreißenden Familiengeschichte sind.
© Ricarda Ohligschläger