Interviews mit Autoren

Interview mit Carina Bartsch

Carina Bartsch_(C) PrivatWas ist es für ein Gefühl, wenn man mit dem Ausdruck „E-Book-Phänomen“ beworben wird, wird einem suggeriert, dass man mit einem E-Book-Bestseller genauso „wertig“ wie ein „Papier-Autor“ ist oder gab es da gewisse Abwertungen? Ebenso wie als Selbstverlegerin?

Ehrlich gesagt habe ich vor und während der Selbstverlagsgründung damit gerechnet, dass mir sehr viel Abwertung nach der Veröffentlichung entgegengebracht wird. Ich kannte die Meinungen von Verlagsautoren und Verlagen, und die fallen über Selfpublisher wahrlich nicht immer positiv aus. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne die Leser gemacht – hier durfte ich eine Offenheit erfahren, die mich nicht nur überrascht, sondern als Autor auch wahnsinnig glücklich gemacht hat. Den meisten Lesern ist es vollkommen egal, welches Label auf den Buchdeckeln steht. Alles, was zählt, sind die Seiten dazwischen. Wenn die überzeugen, spielt der Rest keine Rolle. Und letzten Endes sind Leser auch genau diejenigen, auf die es mir ankommt. Inzwischen interessiert es mich nicht mehr, welche Meinung eine Horde von elitär denkenden Autoren oder Verlegern über mich besitzt.

Als „eBook-Phänomen“ beworben zu werden, ist natürlich ein tolles Gefühl. Diesen Ausdruck habe ich schlussendlich auch meinen Lesern zu verdanken, denn die haben meine Bücher zu diesen Phänomen gemacht. Für mich klingt das alles manchmal noch sehr befremdlich. Das letzte Jahr war wie ein abgefahrener Kinofilm, bei dem ich noch nicht ganz realisieren konnte, dass meine Bücher die Hauptrolle darin spielen.

Kam Ihnen die Idee zu „Kirschroter Sommer“ im Sommer oder zu einer anderen Jahreszeit?

Die Idee zu „Kirschroter Sommer“ ist bereits 2008 entstanden, und es müsste tatsächlich Frühling oder Sommeranfang gewesen sein, als ich mit dem Schreiben dazu begann.

Frau Bartsch, was war es für ein Gefühl als sich ein Verlag bei ihnen gemeldet hat um ihre Bücher zu verlegen, nachdem sie als eBook so erfolgreich waren?

Das war natürlich schon eine sehr verdrehte Welt. Ich hatte mit Verlagen und Agenturen bis dahin nur über Standardabsagen kommuniziert. Verlage waren für mich nichts anderes als riesengroße Mauern, hinter die man nicht blicken kann. Damals bin ich vor diesen Mauern gekrochen – und Jahre später öffnen sich in dieser meterdicken Steinwand auf einmal riesengroße Tore, aus denen Leute herauskommen und fragen „Frau Bartsch, wir würden gerne ihr Manuskript drucken. Dürfen wir?“
Das schockt. Trotzdem war das Gefühl ein anderes, als es noch vor zwei Jahren der Fall gewesen wäre. Die Zeiten hatten sich geändert. Ich habe es selbst zu Erfolg gebracht, ohne die Hilfe eines Verlags. Ich war kein NoName mehr, und hatte nicht nur Leser, sondern auch Fans.

Cover_Bartsch_SommerKonnten Sie bei den Covern zu Ihren Bücher mitreden oder wurden diese vom Verlag vorgegeben? Wenn Zweites der Fall ist, was hätten Sie anders gemacht?

Die Cover wurden von mir selbst gestaltet und entworfen. Dem Rowohlt Verlag haben sie gefallen, und daher wurden sie auch prompt übernommen.

Im Nachhinein ist man ja immer schlauer! – Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie alles noch einmal genau so machen  – sowohl die Schule, als auch die Lehre abbrechen?

Einerseits ja, einerseits nein. Ich habe es sehr lange bereut, dass ich Schule und Lehre abgebrochen habe. Mit einer Ausbildung oder einem Schulabschluss kann man niemals etwas verkehrt machen. Entweder braucht man es, oder man braucht es nicht – aber es ist nie ein Fehler. Dieses Defizit hat mir mein Leben oft sehr schwer gemacht. Es wird einem nicht gerade mit Anerkennung gegenübergetreten, wenn man nichts dergleichen vorzuweisen hat.
Anderseits haben mich aber genau diese Erfahrungen zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Abweisungen und Ablehnung sind oftmals hart, aber sie formen den Charakter. Ich habe sehr viel daraus gelernt, mir eine gewisse Stärke angeeignet, bin stolz darauf, dass ich niemals etwas geschenkt bekommen habe, und weiß mit voller Überzeugung, dass es falsch ist, Menschen aus oberflächlichen Gründen herabzustufen.

Hatten Abbruch von Lehre und Studium bereits mit dem Gedanken an das Schreiben zu tun?  Und fließen diese Erfahrungen in ihre Bücher mit ein?

Jain. Zu dieser Zeit habe ich das Schreiben noch nicht gefunden, aber im Herzen war ich wohl schon immer Künstler. Das Problem war, dass ich sehr lange gebraucht habe, mich in der Welt zurechtzufinden. Ich verstehe die Welt und die Menschen oftmals nicht, verstehe nicht, warum Dinge sind wie sind, und niemand etwas ändert. Mein Kopf war immer woanders, aber nie dort, wo er gerade hätte sein sollen. Ich musste erst lernen, dass ich die Welt nicht ändern kann, sondern nur mich selbst.

Ich kann nicht sagen, dass ich bewusst meine eigenen Erfahrungen in Geschichten mit einfließen lasse, aber irgendwie spürt man bei jedem Buch, zumindest bei denen, die aus Leidenschaft geschrieben wurden, immer auch den Menschen dahinter.

Wie hat Ihre Familie auf Ihren „Bestimmungsfindungsweg“, also abgebrochene Schulen und Lehren, reagiert und was halten sie von Ihrem Beruf als Autorin?

Tja, wie finden Eltern und Familie das wohl, wenn die Tochter/Enkelin alles, was sich in der Gesellschaft bewährt und etabliert hat, hinwirft und sich stattdessen mit brotloser Kunst beschäftigt? Das ist nicht gerade das, was man sich für den Nachwuchs vorstellt. Außerdem hat es auch niemand verstanden. Ich bin, wenn ich nicht gerade auf der Leitung stehe, nicht auf den Kopf gefallen, und hätte locker die Realschule beenden oder aufs Gymnasium wechseln und studieren können. Aber das war einfach nie meine Welt. Was auf dem Lehrplan stand, hat mich nicht interessiert. Und was fürs Leben wirklich wichtig ist, das Geistige, das lernt man nicht in der Schule.
Inzwischen sind meine Eltern und meine Familie sehr stolz. Mein Opa fängt jedes Mal an zu weinen, wenn er meine Bücher sieht oder ich darüber rede. Es wird mir wirklich sehr gegönnt, dass ich endlich das tun kann, was ich liebe, und auch noch Erfolg damit habe.

Cover_Bartsch_WinterSchreiben Sie bereits am nächsten Roman? Wenn ja, was können Sie darüber schon verraten?

Gerade im Moment befinde ich mich im Urlaub und habe endlich den Kopf freibekommen, mich wieder dem Schreiben zu widmen. Es gibt sehr viele Ideen und oftmals fällt es mir schwer, mich zu entscheiden, welche ich davon als Nächstes umsetze. Inzwischen ist diese Entscheidung gefallen. Verraten kann ich schon mal, dass sowohl Liebe als auch Drama wieder eine Rolle spielen werden.

Ist eventuell sogar eine Fortsetzung der beiden Romane geplant?

Die Nachfrage nach einem dritten Band ist sehr groß. Es gibt noch Ideen, allerdings bin ich kein Fan vom „Ausschlachten“. Entweder ich habe dem Leser wirklich noch etwas zu bieten, oder ich höre auf, wenn es am Schönsten ist. Ob die Ideen für Ersteres ausreichen, habe ich für mich noch nicht beantworten können. Ich widme mich jetzt erst mal einer anderen Geschichte, und werde mir genau durch den Kopf gehen lassen, ob Emely und Elyas sich in einem dritten Band wiedersehen werden.

Wo nehmen Sie die Energie und das Durchhaltevermögen zum Schreiben von Romanen her?

Um ehrlich zu sein, schaffe ich nicht jede Geschichte zu beenden, manchmal werden die Zweifel an der jeweiligen Story einfach zu groß und mein Kopf macht dicht. Und bei jenen, die ich zu Ende brachte, ist die Antwort immer dieselbe: Beißen, beißen, beißen. Die ersten paar Kapitel, wenn ich gerade im Schreibewahn und im Fieber einer neuen Idee stecke, gehen meist wie von selbst, aber ab dem fünften oder sechsten Kapitel steigt der Grad der Herausforderung deutlich an. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich den PC oder Laptop schon in seine Einzelteile zerlegen wollte. Ich muss sowohl mit dem Kopf als auch mit dem Herzen dabei sein – monotones Runterrattern geht bei mir nicht. Tja, und irgendeiner ist immer bockig, entweder der Kopf oder das Herz. Mein schlimmster Feind sind definitiv die Zweifel. Ich stelle immer wieder alles in Frage, und je intensiver ich das tue, desto schlechter kommt mir die Geschichte und das Geschriebene vor. Dann ist natürlich jegliche Motivation dahin. Was mir unheimlich in solchen Zeiten hilft, sind Meinungen von Außenstehenden. Ich habe das große Glück, dass ich vor ein paar Jahren durch ein Schreibforum ein paar andere Autoren kennengelernt habe. Wir unterstützen uns gegenseitig, lesen die Geschichte des jeweils anderen gegen und geben konstruktives Feedback dazu ab. Entweder stellt sich dadurch heraus, dass meine Zweifel unbegründet sind, oder die Kritik hilft mir dabei, wieder Ordnung in meinem Kopf zu bekommen und gradlinig anzugehen, was im Text verbessert werden muss, damit ich zufrieden bin.

Wie viel von Ihnen steckt in Emily?

Ich glaube, diese Frage ist mir bisher in jedem Interview gestellt worden. Das Interesse daran scheint sehr groß zu sein. Was Emely und ich gemeinsam haben, ist auf jeden Fall der Sarkasmus und die Leidenschaft zum Fluchen. Schimpfwörter retten Leben! Jeder, der sich schon mal den kleinen Zeh an einer harten Kante gestoßen hat, hat eine ungefähre Ahnung, wovon ich rede …

Was lesen Sie selbst gerne? Haben Sie einen ultimativen Buchtipp für diesen Winter?

Ich selbst lese eigentlich weniger Liebesromane. Nicht, weil ich das Thema nicht mag, ganz im Gegenteil, sondern eher deswegen, weil mich die meisten Liebesromane von der Umsetzung nicht ansprechen. Ein Buch, das ich wirklich jedem ans Herz legen könnte, wäre „Die Einsamkeit der Primzahlen“. Gut geschrieben, sehr emotional, traurig und trotzdem in sich sehr schön.

Liebe Frau Bartsch, vielen Dank für dieses sehr interessante und aufschlussreiche Interview! Ich wünsche Ihnen von Herzen weiterhin alles Gute und wünschte mir, dass mehr Menschen so intensiv wie Sie ihre Träume verfolgen würden.

Das Buchpaket aus der Verlosung geht an

Nadja Schettler

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten”

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