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Jojo Moyes – Ein ganzes halbes Jahr

Das Leben hat es nicht immer gut mit Louisa Clark gemeint. Als sie ihren Job in dem kleinen Café verliert, plagen ihre Familie noch größere Geldsorgen als zuvor. Da beschließt Lou, die ihr angebotene Pflegestelle anzunehmen. Seit einem schweren Unfall vor zwei Jahren sitzt Will Traynor im Rollstuhl; seine Beine kann er nicht mehr bewegen, seine Hände und Arme nur noch eingeschränkt. Will ist verbittert und abweisend; die neue Betreuerin Lou traktiert er mit Abweisung und zynischen Bemerkungen. Aber urplötzlich passiert etwas in ihnen und mit ihnen …
(Quelle: www.rowohlt.de)

Ein ganzes halbes Jahr wird dieses Buch mindestens nachwirken, denn so sensibel wie Jojo Moyes über das Thema Behinderung schreibt ist es mir noch nie untergekommen. Es zeigt schonungslos und facettenreich die Probleme mit denen sich Tetraplegiker täglich auseinandersetzen müssen. Sei es die Hilfe, die sie bei der täglichen Körperhygiene benötigen oder schlammige Wege, die zu einem echten Hindernis werden können. Ich bin ganz ehrlich und habe mir über viele Dinge noch nie Gedanken gemacht. Beispielsweise dachte ich bisher immer, dass im gelähmten Bereich des Körpers keine Schmerzen spürbar sind und die Problematik mit der Regelung der Körpertemperatur war mir ebenfalls neu.

Während sich jedoch viele andere Meinungen vorzugsweise auf die Liebesgeschichte zwischen Lou und Will fokussiert haben, lag mein Augenmerkt eher auf ganz anderen Dingen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund warum ich keine Taschentücher auf den letzten Seiten benötigte. Das bedeutet natürlich nicht, dass mir die Lovestory nicht gefallen hat – ganz im Gegenteil! – aber dieses Buch hat neben der Liebesgeschichte zwischen Will und Lou viele andere tolle Gründe es zu lesen.

Mich hat nämlich am meisten Lou fasziniert. Lou, die sich von einer unsicheren jungen Frau in ein selbstbewusstes und nahezu kämpferisches Wesen verwandelte, der keine Hürde zu groß ist. Lou, die ihre Meinung sagt, die weiß was sie will und sich dafür auch einsetzt. Stellt euch nach dem Lesen doch mal die Frage, ob ihr am Anfang je daran geglaubt hättet, dass sie Wills Mutter je Widerworte geben würde?

Ein ganzes halbes Jahr“ beschäftigt sich aber noch mit einem anderen wichtigen Thema, auf das ich hier nicht näher eingehen möchte, da es zu viel vorweg nehmen würde. Nur sei verraten, dass ich Wills Weg nachvollziehen kann, denn sein Leben ist und bleibt ein täglicher Kampf gegen einen Körper in dem er gefangen ist und ich habe mich beim Lesen mehrmals gefragt was ich wohl in der Situation machen würde. Würde ich stärker sein als Will oder ist es gerade Wills Entscheidung, die Stärke beweist?
© Ricarda Ohligschläger